Einige Gedanken zu meiner Motivation als Regisseur von ZWINGLI – DER REFORMATOR


© KEYSTONE/Gaëtan Bally

Die Welt von Religion, Kirche und Glaube war mir schon als Kind sehr vertraut. Unzählige Male besuchte ich beispielsweise mit meinen Eltern Zwinglis Geburtshaus in Wildhaus, weil mein Grossvater dort häufig zur Kur weilte. Oder ich sang auf der Empore des Grossmünsters im Kinderchor das Weihnachtsoratorium von Joh. Seb. Bach mit, unmittelbar vor der wuchtigen, imposanten Orgel. Und als ich in der 2. Primarschulklasse zum ersten Mal eine Freundin hatte, meinten meine Eltern besorgt: «Du weißt, dass du sie nie wirst heiraten können. Sie ist katholisch.» Katholiken mit ihrer Marien- und Heiligenverehrung: das war damals für viele Reformierte in Zürich eine fremde Welt... auch wenn das keine 50 Jahre später fast unvorstellbar geworden ist.


Heute, viele Jahre später, finde ich es hochinteressant, sich darüber klar zu werden, wo wir – gesellschaftlich, geschichtlich - eigentlich herkommen, was unsere Wurzeln sind, welche Ideen unsere Welt formen. Im Zusammenhang mit dem heutigen Clash der Kulturen und dem erneuten Aufflammen von Religionskämpfen scheint es mir wichtig, grundlegende «Selbstverständlichkeiten», wie sie sich in der Gesellschaft etabliert haben, zu überprüfen und sie sich neu zu vergegenwärtigen; beispielsweise das Selbstverständnis einer Demokratie, einer Landeskirche, einer Leitkultur, die wir eigentlich gar nicht so klar fassen können.


Und dabei wird rasch klar: Ulrich Zwingli hat mit seiner humanistischen Gesinnung, seinem sozialen Gewissen, seinem Einsatz für Bildung und seinen religiösen Ansichten Zürich, die Schweiz, und die weltweite protestantische Bewegung viel stärker geprägt, als wir gemeinhin wissen. Umso mehr ist es seltsam, wie hartnäckig sich die negativen Vorurteile gegenüber dem Zürcher Reformator und allem, was mit seinem Namen verbunden ist, halten. Von «zwinglianischem Geist» ist die Rede als Wegbereiter von Arbeitseifer und Kapitalismus, von «zwinglianischer Enge», von Lustfeindlichkeit, Sparwut, Kultur- und Theaterfeindschaft. Dabei war Zwingli keineswegs ein kulturloser Banause. Vielmehr war er ein weltoffener, moderner Humanist, er las viel, komponierte beispielsweise zu einem Stück von Aristophanes die Begleitmusik. Und wenn er (oder vielmehr der Zürcher Rat) auch die Orgeln aus den Kirchen verbannen liess, so tat er dies keineswegs aus Hass auf die Musik. Zwingli selbst beherrschte alle Renaissance-Instrumente, ja, er hat die erste Musikschule in Zürich gegründet, war der Geselligkeit und Lebenslust nicht abgeneigt und galt in seinen jungen Jahren als Lebemann.


Die Reformation in Zürich lässt sich sehr wohl auch als eine Bildungsinitiative beschreiben: Zwinglis Bibelübersetzung hat vielen Menschen erstmals Zugang gegeben zu den wichtigsten Texten ihrer eigenen Religion. Mit seinem Vorgehen stärkte er die demokratischen Institutionen, er dachte und handelte auch politisch, setzte sich vehement gegen das Kriegswesen, gegen die Korruption der alten Kirche und für Arme, für Kranke, Flüchtlinge und sozial Benachteiligte ein. Zwingli führte damit nachhaltige Veränderungen herbei, wie dies nur selten in der Geschichte vorkommt, und die bis heute nachwirken und immer noch aktuell sind. Umso mehr lohnt es sich, seine Ideen wieder ins Bewusstsein zu heben, seine – und damit auch ein Teil unserer – Geschichte zu erzählen, und sie speziell anlässlich der 500-Jahr-Feiern zur Reformation einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

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